Resonanzraum und Balsam

Notre Dame Paris

(Text als PDF-Datei)

Der Brand in der Pariser Kathedrale Notre Dame am Montag der Karwoche hat in aller Welt Menschen berührt und Brücken der Verbundenheit mit diesem emblematischen Ort unserer Kultur entstehen lassen. Für mich ist Notre Dame ist ein Teil meiner Identität als Christ, als Musiker und als Bürger Europas.

„Was ist der Unterschied zwischen einem Haufen von Steinen und einer Kathedrale?“ Diese Frage hat der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, am Karmittwoch in der nach Saint-Sulpice verlegten Chrisam-Messe gestellt. Während ein Haufen Steine oder eine Ansammlung von Zellen nur eine formlose Masse bilden, sei eine Kathedrale ebenso wie eine menschliche Person - so der Erzbischof von Paris - durch ein „Organisationsprinzip, ein Prinzip der Einheit, eine kreative Intelligenz“ geprägt. Eine zweite Verbindung von Mensch und Kathedrale sei die Salbung, die beide empfangen als Manifestation göttlicher Gegenwart. Das verleihe Mensch und Kathedrale den Status des Heiligen.

Notre Dame ist als gotische Kathedrale Organisation par excellence: die Architektur, die das theologische Programm „Gott ist Licht“ umsetzt, ist nicht nur Abbild des himmlischen Jerusalem, sie folgt vielmehr in Proportionen, Maßwerk und Gewölben der kosmischen Harmonie. Dass hier in Notre Dame mit Leonin und Perotinus Magnus der Grundstein der Mehrstimmigkeit aus gregorianischen Linien gelegt wurde, ist naheliegend: die Musik folgt der Arithmetik innerhalb der freien Künste. In diesen Resonanzraum von Mensch und seinem Ausdruck in künstlerischer Form wird man hineingezogen, wenn man sich Notre Dame nähert.

Meine erste Annährung geschah maßgeblich über die Musik: als Jugendlicher schenkte mir mein Improvisations-Lehrer eine Schallplatte von Pierre Cochereau, dem legendären Titularorganisten von Notre-Dame. Es waren eine improvisierte Symphonie und Versetten zur Vesper - entstanden 1963 nach ersten Renovierungen der Cavaillé-Coll-Orgel von 1868 -, die geradezu programmatisch profan (Symphonie) und sakral (Versetten zur Vesper) einander gegenüberstellten. Ich war überwältigt von der Balance aus Poesie und Kraft, Raffinesse der Klänge und glasklaren Rhythmen. Ob Miniatur oder großer Bogen - alles war buchstäblich formvollendet. Als Cochereau 1984 im Alter von 59 Jahren starb, folgten weitere Veröffentlichungen aus den Ton-Archiven von Notre Dame. Umwerfend und inspirierend für mich als Musiker: ein Resonanzraum kreativer Intelligenz!

Die Besuche in Notre Dame waren ein Eintauchen in die Geschichte Frankreichs und des Christentums, von ihren Anfängen seit Dionysius, dem ersten Bischof von Paris, bis hin zur Ausprägung des Laizismus in der Trennung von Staat und Religion. Vom dreifachen Tympanon der Fassade über Skulpturen im Innern und Wasserspeier an den Türmen, großformatigen Tableaus und Schnitzwerk: eine Schatzkammer kreativer Intelligenz. Der fünfschiffige Basilika-Bau ruft geradezu nach Klängen! Ob es die polyphonen Strukturen der Vokalmusik, die reichen Ornamente eines François Couperin oder die klanggewordene Kathedralarchitektur in den Werken von Louis Vierne sind: alles findet seine Resonanz unter dem Gewölbe. Für Louis Vierne, der 1900 zum Titularorganisten gewählt wurde und 1937 dort während eines Konzertes auf der Orgelbank starb, war die Orgel auf der Westempore Partnerin und Inspiration. Das Orgelbau-Genie Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) hatte die im 14. Jahrhundert begonnene Orgelbaugeschichte der Pariser Kathedrale zu einem Höhepunkt geführt: auf fünf Manualwerken und Pedal verteilt sich ein symphonisches Orchester, dessen Solisten alle einfühlsame Ensemblespieler sind. Expressiv, flexibel und für die 130 m des Langhauses ein imperiales Kraftpaket, hoch oben auf der Empore, fast verschmolzen mit den Lichtstrahlen der Fensterrose im Westen. Kreative Intelligenz als musikalische Passion!

Die Geburt der Universität im Paris des 13. Jahrhunderts, die Kathedralschule, der Disput der großen Theologen der Zeit – alles stand in Wechselwirkung mit Notre Dame auf der Île de la Cité, dem historischen Kern der Stadt Paris mit seinem Leitwort: Fluctuat, nec mergitur. Im Fluss zu sein, ohne unterzugehen, das ist Programm für Paris und seine Kathedrale! Im 13. Arrondisement, im Couvent der Dominikaner, lag meine Pariser Studentenunterkunft, als ich 1993/94 in Paris bei Olivier Latry und Thierry Escaich nach meinem Meisterklassen-Diplom in Würzburg das vertiefen durfte, was mich seit der ersten Ergriffenheit von den Klängen aus Notre Dame nicht mehr losgelassen hatte: die Kunst der Improvisation. Neben dem Unterricht in Saint-Maur-des Fossés, wo Olivier Latry, einer der Titularorganisten von Notre Dame, die Klasse seines Lehrers Litaize fortführte, und der kleinen Kirche von Rosny-sous-Bois, dem Heimatort Thierry Escaichs, war die beste Improvisations-Schule ein Pilgern durch die Sonntags-Gottesdienste rechts und links der Seine und besonders im Herzen der Stadt, in Notre Dame. Bis heute ist ein Besuch an der Orgel ein Moment puren Glücks. Spätestens beim Einsatz der Chamaden, aber auch bei den unendlichen Farbspielen und dem Klanggewand der warmen Grundstimmen mit profundem Bassfundament ist es eine ganzkörperliche Erfahrung: der Mensch wird zum Resonanzraum.

Eine zweite Annährung an Notre Dame war für mich die Feier der Liturgie. Die Karwoche 1986 verbrachte ich als 18-jähriger Schüler in Paris. Eine vibrierende Zeit: die nach dem Tod Cochereaus ernannten vier Titularorganisten von Notre Dame waren frisch im Amt, Daniel Roth als Nachfolger Jean-Jaques Grunenwalds in Saint-Sulpice ernannt, Naji Hakim begann in der Basilika Sacré-Coeur, Jean Langlais, Gaston Litaize und Olivier Messiaen waren noch tätig an ihren Kirchen. Der Palmsonntag begann vor dem Portal, das Kardinal Jean-Marie Lustiger unter den Gesängen des „Gloria, Laus et Honor“, nach dreimaligem „Anklopfen“ mit seinem Bischofsstab aufstieß. Und dann begann eine liturgische Dramaturgie, wie sie mich bis heute immer wieder ganz und gar eintauchen lässt in das Mysterium von Notre Dame. Dank des von Kardinal Lustiger als charismatischem und dynamischen Architekten eines missionarischen Aufbruchs in Europa gegründeten Radio Notre Dame und KTOTV kann man die Gottesdienste der Pariser Kathedrale an jedem Ort der Welt mitfeiern. Für mich es ein Montags-Ritual, die Aufzeichnung der Sonntagabendmesse aus Notre-Dame zu sehen, somit Teil der „famille Notre Dame“ zu sein und zu hören, was meine Kollegen als Kommentar zur Liturgie, ihren Texten und ihrer Atmosphäre am Sonntag beigetragen haben…

Eine Besonderheit in Notre Dame als Staatseigentum - wie alle französischen Kathedralen: während der Gottesdienste zieht unablässig der Strom der Besucher durch den Chorumgang. Was bei uns zur Wahrung von Andacht und Ruhe vermieden wird, war für mich immer ein Zeichen: Die feiernden Christen sind zu Gast und besitzen hier gar nichts, und die Welt umgibt sie unmittelbar, ja schaut ihnen zu bei der Feier der Geheimnisse ihres Glaubens. Kann man besser eine Kultur offener Türen und gegenseitiger Achtung lernen und ausprägen? Natürlich ist der Geräuschpegel bei Gottesdiensten und Konzerten höher, aber die alte Dame auf der Empore weiß sich zu behaupten und sorgt immer wieder dafür, dass Touristen staunend, ergriffen quasi in den Sog der Liturgie hineingezogen werden. Resonanzraum des Glaubens!

So vollzieht sich in Notre Dame in besonderer Weise das, was Salbung bewirkt: vom Altar als gesalbtem Stein und von den durch Taufe zu Königen, Priestern und Propheten gesalbten Christen ausstrahlend legt sich ein Balsam über die Seele eines jeden Besuchers. Das ist es doch, was in diesen Tagen der Trauer über den Brand viele vereint, ob Getauft oder Ungetauft, ob praktizierende oder anonyme Christen, gleichwelcher Religion angehörig: alle spüren diese „Magie“ von Notre Dame, ihre heilende, zusammenführende und sinnstiftende Wirkung, der sich niemand entziehen kann. Dass darüber hinaus Notre Dame als point zéro Frankreichs, als Ort nationaler Zeremonien wie historischer Szenarien einen besonderen Platz im Herzen aller Franzosen, ja aller Europäer hat, ist evident. Dass sich Menschen aller Kulturen in Sorge um dieses Weltkulturerbe vereinen, zeigt die Wirkmächtigkeit von kreativer Intelligenz der Kathedrale als Ort heilsamer Salbung.

Was Notre Dame in seiner Baugeschichte und in der Vielfalt des Reichtums seiner Ausstattung auszeichnet, ist vor allem eines: Respekt. Es wurde weiterentwickelt, neu interpretiert oder auch Neues hinzugefügt, immer in Achtung vor dem Bestehenden. Die Orgel ist eines von vielen beredten Zeugnissen dafür, indem sie Pfeifenmaterial aus 5 Jahrhunderten beherbergt, klassisches, symphonisches und zeitgenössisches Klangpotenzial bietet und von neuester Technologie angesteuert wird. Wie der Raum so bildet auch sie eine homogene Einheit trotz hoher Diversität. Ich kenne keine andere Orgel von so gelungener Synthese aus Tradition und Innovation! Vielleicht ist ja gerade dies die Botschaft von Notre Dame in unserer Zeit? Hoffen wir auf eine solche einende und respektvolle Dynamik beim Projekt des Wiederaufbaus einer brennenden Kirche im Herzen Europas, die offenbar die Herzen vieler Menschen berührt und uns eint im Bemühen, das Beste zu geben für heilige Orte kreativer Intelligenz, die Salbung sind für unsere Seele.

Ansgar Wallenhorst